„Menschen, Maschinen und Fabriken – Industriekultur in Berlin und Brandenburg.“

(unveröffentlichtes Manuskript)

Das industriekulturelle Erbe der Metropolenregion Berlin-Brandenburg. Eine thematische Einführung.


Der Begriff „Industriekultur“ rückte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts europaweit in das öffentliche Bewusstsein. Vielfältige Interessen führten zu einer verstärkten Beschäftigung mit der Geschichte industrieller Produktionsstätten, technischer Artefakte und Objekte. Wissenschaftler, historisch Interessierte, Vereine und Museen setzen sich für deren Erhaltung als gegenständliche historische Informationsträger und Zeugnisse des Industriezeitalters ein. Zwei große und spektakuläre Ausstellungen in Deutschland und Österreich machten Ende des 20./Anfang des 21. Jahrhunderts, die Kultur der industriellen Welt einer größeren Öffentlichkeit zugänglich: die Ausstellung „Magie der Industrie. Leben und Arbeiten im Fabrikzeitalter“ 1989 in einer alten Tuchfabrik im österreichischen Pottenstein an der Triesting und 2002 im Berliner Martin-Gropius-Bau die Exposition „Die Zweite Schöpfung. Bilder der industriellen Welt vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.“ Für mehr öffentliche Akzeptanz sorgten darüber hinaus zwei Internationale Bauausstellungen: die „IBA Emscher Park“ 1989-1999 im Ruhrgebiet und „IBA Fürst-Pückler-Land 2000 bis 2010“ in der brandenburgischen Lausitz. Beide Projekte sollten den Strukturwandel in diesen Regionen begleiten, Impulse geben und teilweise gestalten. Zumindest in der Lausitz gelang das anfangs nur bedingt. Anfang der 1990er Jahre wurden hier die meisten Braunkohletagebaue, Brikettfabriken und Kohlekraftwerke sowie Textil- und Chemiefabriken, die die Region zu einer der wichtigsten Industrieareale der DDR machten, weitgehend unplanmäßig und quasi über Nacht geschlossen und zehntausende Beschäftigte ohne Sozialplan perspektivlos von der Arbeit „freigestellt“. Dadurch stießen Erhaltungsbemühungen von Objekten und Artefakten der Industriekultur des Lausitzer Bergbau- und Industriereviers anfangs auf wenig Verständnis, sowohl bei der Landesregierung als auch bei der Bevölkerung, die existenzielle Ängste plagte. Die Deindustrialisierung wirkte im Osten Deutschlands wie eine Naturkatastrophe. Die Beschäftigung mit der Industriekultur in Berlin und im Land Brandenburg ist daher in gewisser Weise auch Trauerarbeit, da Artefakte und Objekte der Industriegesellschaft sowie ihr immaterielles Erbe seit über 250 Jahren paradigmatische Zeugnisse einer historischen Umbruchsituation sind. Der Erhalt von materiellen Zeugnissen des industriekulturellen Erbes verspricht, alten Arbeitsorte nicht zu vergessen. Viele Zeugnisse der Technik und Industrie stehen heute unter Denkmalschutz und geben den Menschen in Berlin und Brandenburg ein Gefühl von Identität und Heimat.


Begriff „Industriekultur“


„Der Begriff Industriekultur steht für die Beschäftigung und Auseinandersetzung sowohl mit der Kulturgeschichte des Industriezeitalters als auch mit der Gegenwart und den Entwicklungstendenzen der heutigen Industriegesellschaft. Die Erforschung der Industriekultur ermöglicht es, die Arbeits- und Lebensverhältnisse der gegenwärtigen Industriegesellschaft aus ihrer historischen Entwicklung heraus zu verstehen und sich mit dieser kritisch, im Hinblick auf eine sinnvolle Entwicklung, auseinanderzusetzen. Das Studium der Industriekultur beschäftigt sich insbesondere mit der kulturellen und historischen Einordnung der materiellen Hinterlassenschaften der Kulturgeschichte des Industriezeitalters. Es nutzt dabei die Methoden der Industriearchäologie zur Erfassung, Erforschung und Interpretation sowie zur Erhaltung und Nachnutzung.“ (Prof. Hellmuth Albrecht, TU Bergakademie Freiberg).


Die Industrielle Revolution verändert seit 200 Jahren neben der Produktionsweise, Siedlungsstrukturen, Zeitverständnis, Geschlechterverhältnisse, Lebensweisen, Ernährung, Mobilität, Kriegführung. Für die Menschen bedeutete das einen radikalen Abschied von natürlichen Lebenskreisläufen. Sie erlebten die neue, industrielle Welt zunächst als existenzielle Degradierungserfahrung, gefangen im Regime der Fabriksirenen, in einem Zeitrhythmus, der durch die Maschinen bestimmt wurde und als Auflösung kommunaler Wirtschaftskreisläufe und Lebenswelten. Die Beschäftigung mit Industriekultur ist daher auch eine Spurensuche und Spurensicherung von Lebensformen im Zeitalter der Industrialisierung, die durch Fabrik- und Maschinenarbeit, massenhafte Lohnarbeit, kohlenstoffverbrauchende, landschaftszerstörende Massenproduktion, die Loslösung ihrer Standortbindung von den natürlichen Energiequellen, neue Verkehrs- und Kommunikationssysteme charakterisiert ist und eine völlig neue Lebenswelt schuf. Bodenschätze werden verstärkt ausgebeutet, es entstehen große Industrieanlagen, aus Werkstätten werden Fabriken, aus Läden Warenhäuser; die Landschaft aber auch die Psyche der Menschen verändert sich. Industrialisierung bedeutet Verstädterung, die Mauern der mittelalterlichen Stadt werden aufgesprengt; Bevölkerungsexplosion und Landflucht bewirken große Probleme; die städtische Selbstverwaltung wird neu organisiert. (Hermann Glaser).


Wir haben es also mit einem tiefgreifenden und zugleich dynamischen gesamtgesellschaftlichen, Länder und Nationen übergreifenden, epochalen Prozess, der Staat und Gesellschaft veränderte, zu tun. (Toni Pierenkemper) Als Reaktion auf den Wandel entstand eine selbstbewusste Arbeiterbewegung. Ihre Vordenker, Karl Marx und Friedrich Engels schrieben im Jahr 1848, dass dies „massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte (…) als alle vergangenen Generationen zusammen“ hervorbrachte, verbunden mit der Unterjochung der Naturkräfte, einer sich ausbreitenden Maschinerie, der Anwendung von Chemie auf Industrie und Ackerbau, neuen Transport- und Kommunikationsmitteln. Ganze Weltteile wurden urbar, die Flüsse schiffbar gemacht. Die Industriellen Revolution, die heute mit „Industrie 4.0“ ihre Fortsetzung findet, ist mit einem immerwährenden Wachstumsversprechen verbunden, dass mit der gegenwärtigen ökologischen Krise an seine Grenzen stößt und weltweit zu einer immer größer werdenden sozialen Spaltung führt. Im Berlin der Gründerzeitjahre wurde diese soziale Spaltung in den Mietskasernen im Prenzlauer Berg, dem Wedding oder in Kreuzberg und andererseits den Villenvierteln am Stadtrand, der Herrschaftsarchitektur im Zentrum der Stadt und ihren Prachtboulevards gegenständlich deutlich. Die Beschäftigung mit dem industriekulturellen Erbe hat sich abseits seiner kommerziellen Vermarktung dem Phänomen der sozialen Ungleichheit zu stellen. Nur so kann es gelingen, gegenwärtigen und zukünftigen Generationen der nachindustriellen, digitalen Welt die Grundlagen unseres heutigen sowie zukünftigen Wohlstandes und Elends, das sich u. a. in einer dramatischen Zerstörung der Lebensgrundlagen immer augenscheinlicher zeigt, zu vermitteln.


Industriekultur als gesellschaftliche Auseinandersetzung


Das Bemühen, Objekte und Artefakte der Industriegesellschaft des 19. und 21. Jahrhunderts in Berlin und dem Land Brandenburg zu erhalten, sollte eine Auseinandersetzung mit den drei Säulen der klassischen Industriegesellschaft vorangestellt werden, d. h. die Dreieinigkeit von Maschinenarbeit – Fabrikarbeit - massenhafte Lohnarbeit.


An der Wende zum 20. Jahrhundert ist Berlin-Brandenburg eines der weltweit bedeutendsten Wirtschafträume, den Mark Twain das „europäische Chicago“ nennt. Berlin wird nach der Reichseinigung von 1871 zur „Headquarter City“ (Torsten Dame) wo sich die politische und wirtschaftliche Macht bündelt. Die Einwohnerzahl sprengt Ende der 1870er Jahre die Millionengrenze, vor dem Ersten Weltkrieg sind es bereits mehr als zwei Millionen und nach der Eingliederung der großstädtischen Nachbargemeinden hat Groß-Berlin etwa vier Millionen Einwohner – eine Metropole mitten in Europa mit nationaler und internationaler Sogwirkung, die wir seit der Maueröffnung im November 1989 gegenwärtig wieder erleben. Die Industriekultur gehörte in Berlin schon sehr früh zum kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Markenkern der Stadt. (Torsten Dame) August Borsig brach bereits 1844 mit der eigenständig entwickelten Dampflokomotive „Beuth“ das englische Lokomotivbaumonopol von Stephenson and Company und legte mit seiner Maschinenbauanstalt vor dem Oranienburger Tor den Grundstein für die Lokomotivschmiede Deutschlands (Wolfgang Ribbe) und das Berliner „Feuerland“, den Kern der Industriestadt Berlin. Borsig, ein Absolvent der „Technischen Deputation für das Gewerbe“ benannte die Lokomotive nach deren Leiter Christian Peter Wilhelm Beuth, der ihm prophezeit hatte, dass aus ihm nie etwas werden würde. 33 metallverarbeitende Betriebe mit über 3000 Beschäftigten waren allein hier Mitte des 19. Jahrhunderts ansässig, darunter die Königlich Preußische Eisengießerei, die Eisengießerei und Maschinenbauanstalt des Vorreiters des modernen Maschinenbaus in Berlin, Franz Anton Egells, die Fabrikationsanlagen von August Borsig oder die „Eisengießerei und Maschinenfabrik“ von Louis Schwartzkopff, die wir später im brandenburgischen Wildau wiederfinden.


Der industrielle Aufschwung in Berlin, der Mark Brandenburg und der brandenburgischen Niederlausitz ist seit 1815 ohne staatlich-politische Rahmenbedingungen, die die Beschränkungen der bisherigen agrarischen Produktionsweise schrittweise aufhoben, undenkbar. Den Grundstein legten preußische Reformer wie Karl Freiherr vom Stein, Karl August von Hardenberg, Wilhelm von Humboldt, Gerhard von Scharnhorst, August Graf Neidhardt von Gneisenau, Hermann von Boyen und Carl von Clausewitz. Vom Stein und von Hardenberg veranlassten eine Reihe von Reformen, mit dem Ziel, den preußischen Staat und seine Verwaltung grundlegend zu reformieren. Die Einführung der Gewerbefreiheit im Jahr 1810 ebnete neben weiteren Reformen (Heeresreform, Agrarreform, Bildungsreform, Steuer- und Münzreform etc.) und staatlichen Infrastrukturprojekten den Weg für die Industrielle Revolution und war eine der zentralen Voraussetzungen für den industriellen Aufstiegs Preußens und der Wirtschaftsregion Berlin-Brandenburg, die nur wenige Jahre später eine der am meisten fortgeschrittenen Wirtschaftsräume in ganz Deutschland ist. Die Gewerbefreiheit beseitigte die Beschränkungen durch das mittelalterliche Zunftwesen und der preußischen Ständegesellschaft. Mit der preußischen Gewebeordnung von 1845 und deren Novellierung 1849 fielen weiter bestehende Beschränkungen. Wirtschaftliche Betätigungsschranken riss man nieder, bestehende rechtliche Unterschiede zwischen Stadt und Land verschwanden.


Brandenburg und Berlin erhielten dadurch wirtschaftlich neue Impulse. Der Maschinenbau löste endgültig die Textilindustrie als Berliner Schlüsselindustrie ab und wanderte u. a. in die brandenburgische Lausitz. Die von Werner Siemens und Johann Georg Halske 1847 gegründete „Telegraphen Bau-Anstalt von Siemens & Halske“ produzierte Ende der 1860er Jahre die ersten Dynamomaschinen und legte damit den Grundstein für die „Elektropolis“ Berlin mit ihrem beeindruckenden architektonischen Erbe. Die Elektroindustrie löste in Berlin wenige Jahre später den Maschinenbau als Leitindustrie ab und nahm in der Welt eine führende Stellung ein. Die Chemieindustrie, die metallverarbeitende Industrie, die Bekleidungs- und Lebensmittelindustrie entwickelten sich zu den wirtschaftlich-industriellen Grundpfeilern der Stadt. Die Folge war ein rasanter Stadtausbau. Zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung arbeiteten im industriellen und gewerblichen Bereich, alle anderen in Dienstleistungsberufen, Handel und Verkehr. Mitte des 19. Jahrhunderts begann man in Berlin mit Planungen für eine moderne, industrielle Großstadt, die in den Bebauungsplan von 1862 mündeten. Neue Wohnquartiere nach dem Prinzip der Wohnblockstadt für bis zu zwei Millionen Menschen, ein neues Straßennetz einschließlich repräsentativer Prachtstraßen und Boulevards, kanalisierte Entwässerungsanlagen (Schwemmkanalisation), moderne Straßenbeleuchtungsanlagen, ein beispielgebendes, schienengebundenes, ober- und unterirdisches Stadtbahn-Nahverkehrsnetz waren in Deutschland beispielgebend. Industrie und Gewerbe stießen sehr bald in ihren innerstädtischen Standorten an ihre Grenzen. Das führte zu einer ersten Welle der sogenannten Randwanderung, d. h. die Verlagerung der Industriestandorte an die Peripherie der sich ausdehnenden Stadt.


Stadtentwicklung und Hochindustrialisierung, massiver Zuzug von Arbeitskräften und ihren Familien verschärften die soziale Frage. Berlin war Anfang des 20. Jahrhunderts die größte Mietskasernenstadt der Welt. Hemmungsloses Profitdenken und Grundstücksspekulation produzierten bis zu sechsgeschossige Mietskasernen mit Hinterhäusern, Seitenflügeln, Kellerwohnungen und winzigen Hinterhöfen. Die Stadt war am Vorabend des Ersten Weltkrieges das politische, wirtschaftliche und finanzielle Machtzentrum in Deutschland und darüber hinaus und ein Zentrum von Kultur und Wissenschaft, eine Stadt mit enormen sozialen Spannungen in einem Spektrum zwischen bourgeoiser und adliger Herrschaftseliten, intellektueller Subkultur, einer selbstbewussten Arbeiterschaft und ihren Organisationsformen sowie einem deklassierten Lumpenproletariat. Museen, Theater, Tanzpaläste prägten das öffentliche Leben der Stadt ebenso wie die Eckkneipen in den Arbeitervierteln oder die Volkshäuser der Arbeiterbewegung. Ein exemplarisches Symbol klassenübergreifender städtischer Lebensform waren die Warenhäuser als Orte moderner Verhaltensformen, wo bisherige soziale Differenzierungen verschwammen. Namen wie Wertheim, Tietz oder Karstadt, mit Filialen auch in den Arbeitervierteln, gehören selbstverständlich zur Industriekultur der Stadt Berlin. (Ribbe) Für Berlin typisch wurden sich überlappende soziale Grenzen, die noch heute auf der Stadtteilebene mit einer generationsübergreifenden Kiezmentalität feststellbar ist, der sich auch die Zugezogenen nicht entziehen können und wollen.


Berlin wurde nach dem Ersten Weltkrieg und den anschließenden Revolutionswirren sowie der Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920 zur drittgrößten Stadt der Welt mit fast vier Millionen Einwohnern. Die sich erneut neu ordnende Stadt erlebte nach der Inflationszeit einen wirtschaftlichen Aufschwung für den synonym der Begriff der „Goldenen Zwanziger“ steht. Elektrotechnik, Maschinenbau und die Chemieindustrie sowie nach 1933 die Rüstungsindustrie prägten ganz entscheidend die städtisch industrielle Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in einer großen Trümmerwüste versinkt.


Die Industriekultur der Stadt wird heute von zwei maßgeblichen Faktoren bestimmt: der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Spaltung der Stadt durch den Kalten Krieg und dem Prozess der Wiedervereinigung nach 1990. Das Erbe der „Frontstadt“ Westberlin und von Ostberlin als „Hauptstadt der DDR“ in einem gemeinsamen industriekulturellen Kontext zu vereinen, ist durchaus eine Herausforderung. Der Westteil der Stadt erlebte die Spaltung als Deindustrialisierungserfahrung und Degradierung zur verlängerten Werkbank bundesdeutscher Unternehmen. Der Ostteil der Stadt stilisierte sich zur „Hauptstadt der DDR“, die sich von ihrer kapitalistischen Vergangenheit abgrenzte. Berlin-Ost war die für die DDR die „sozialistische“ Variante der „Headquarter City“, ihr macht- und wirtschaftspolitisches sowie kulturelles Zentrum und eine politisch gewollte Projektionsfläche einer angeblichen Überlegenheit des Sozialismus, die die knappen Ressourcen der Deutschen Demokratischen Republik über Gebühr strapazierte. Viele Unternehmen in Ost und West waren nach der Wiedervereinigung beider Stadthälften national und international nicht konkurrenzfähig, was erneut eine großflächige Deindustrialisierung zur Folge hatte. Industrieareale fielen wüst und waren fortan Spekulationsobjekte.


Die Stadt und ihr brandenburgischer Speckgürtel mutiert seit einigen Jahren zur wirtschaftlichen Boomtown-Region mit einem beachtlichen Entwicklungspotential. Das mündete schließlich in eine Neuausrichtung der Wirtschafts- und Standortpolitik Berlins mit dem griffigen Slogan „Masterplan Industriestadt Berlin“. Im Kern geht es um die Förderung wirtschaftlicher Potentiale der Kreativindustrie, der Digitalwirtschaft und Industrie 4.0. Dabei spielen die baulich überlieferten Zeugnisse der klassischen Industrialisierungsperiode eine beachtliche Rolle. Aufgelassene Industrieareale und innerstädtische Industriebauten fanden neue Nutzung für neues Arbeiten, Verwaltung, Wohnen, Kultur und Bildung.

Land Brandenburg


Die Mark Brandenburg und vor allem die brandenburgische Niederlausitz verfügen wie Berlin über ein großartiges industriekulturelles Erbe, das viele hier nicht vermuten.


Die Industrialisierung erfasste auch im Kernland Preußens alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Von Anfang an war sie eine mit Berlin symbiotisch verbundene hauptstadtgebundene Sonderform. (Otto Büsch) Die gewerblich-industrielle Entwicklung in der brandenburgischen Provinz mit ihren gewerbsfleißigen Städten war Voraussetzung dafür, dass sich Berlin und Potsdam in der frühen Neuzeit als Residenzstädte Preußens entfalten konnten. Der Aufstieg des Finowtals um die Stadt Neustadt-Eberwalde zum frühindustriellen Kern der Provinz Brandenburg ist noch heute durch eindrucksvolle Objekte und Artefakte der Industriekultur belegt. Als Standort einer entwickelten Eisen- und Metallverarbeitung war es nach dem 30-jährigen Krieg das wirtschaftliche Rückgrat für die Schaffung eines funktionierenden Gemeinwesens in der Mark Brandenburg, das Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der retrospektiv als Großer Kurfürst in die Geschichte einging, mit großer Tatkraft vorantrieb. Die frühindustriellen Wasserstraßen wie der Nottekanal, der Friedrich-Wilhelms-Kanal und der Finowkanal sowie der Plauer Kanal sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Die künstlichen Wasserstraßen verbanden das Zweistromland zwischen Elbe und Oder mit der Nord- und Ostsee, den Wirtschafträumen Schlesien, Böhmen und Sachsen. Ohne sie ist der Aufstieg Preußens zur politischen, wirtschaftlichen und letztlich militärischen Großmacht undenkbar. Sie waren die Grundlage dafür, dass Berlin „aus dem Kahn heraus“ aufgebaut werden konnte.


Die Industrialisierung der Provinz Brandenburg nahm nach zögerlichem Start ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Fahrt auf, vor allem nachdem sich der bisher dominierende Agrarsektor im Zuge der sogenannten Bauernbefreiung und der Etablierung von bürgerlich-agrarischen Grundbesitz neu sortiert hatte. Im Verflechtungsraum um Berlin, im Fläming, im Havelland, in der Prignitz, der Uckermark, der Neumark und vor allem in der brandenburgischen Niederlausitz wurden gewerbsfleißige Städte wie Brandenburg, Rathenow, Luckenwalde, Jüterbog, Oranienburg, Cottbus, Senftenberg, Guben, Forst, Calau, Finsterwalde, Wittenberge, Prenzlau, Perleberg, Wittstock, Frankfurt, Sorau (Żary) und nicht zuletzt Eberswalde Ankerpunkte der industriellen Entwicklung mit enormer Sogwirkung für die ländliche Bevölkerung und beachtlicher industrieller Vielfalt. Deren Spektrum reichte von der Textilindustrie als Leitindustrie, dem Maschinen- und Anlagenbau, Chemie- und Elektroindustrie, Lebensmittelindustrie, Baustoffindustrie, Kohle- und Energiewirtschaft sowie der Roheisen- und Stahlproduktion bis zu einem entwickelten Automobilbau. Rund um Berlin entstanden zahlreiche moderne Kommunikationsanlagen, wie die Großfunkstelle in Nauen oder die Wiege des Deutschen Rundfunks in Königs Wusterhausen. Preußen etablierte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Berlin-Brandenburg aus ein telegrafisches Kommunikationssystem, mit dem man in kürzester Zeit mittels optischer Telegraphie Nachrichten von Berlin in die preußische Rheinprovinz und zurück übermittelte. Der Telegrafenberg in Potsdam erinnert noch heute daran. Hier siedelten sich später hochrangige wissenschaftliche Einrichtungen wie das erste astrophysikalische Observatorium der Welt an. Der Große Refraktor von 1899 ist heute eines der bedeutendsten, voll funktionsfähigen technischen Denkmale im Land Brandenburg. Kaiser Wilhelm II. weihte 1905 in Lindenberg bei Beeskow das Königlich-Preußische Aeronautische Observatorium ein, eine Nachfolgeeinrichtung des Aeronautischen Observatoriums in Berlin-Reinickendorf, das geschlossen werden musste, weil die wachsende Stadt mit ihrem Verkehr und den zahlreichen Stromleitungen eine Wetterbeobachtung, u. a. mit Drachen und Ballons, zunehmend erschwerten.


Die Industrie auf dem Territorium des heutigen Landes Brandenburg hatte Ende des 19. Jahrhunderts die Landwirtschaft in ihrer bisherigen Dominanz zwar abgelöst, dennoch blieb der Agrarsektor bis in die Gegenwart eine wichtige Säule im wirtschaftlichen Gefüge des Landes und als weiträumig industrialisierte Landwirtschaft ein prägendes Merkmal der brandenburgischen Kulturlandschaft. Das Gut im uckermärkischen Pinnow oder das der Industriellenfamilie Borsig in Groß Behnitz im Havelland, die ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse industriell produzierten und verarbeiteten, sind wichtige materielle Zeugnisse der agrarischen Industriekultur. Die großen, industriell produzierenden Güter des Landes trieben darüber hinaus nicht selten die Elektrifizierung und die Modernisierung der Verkehrswege in der Mark und der Lausitz voran.


Anders als in England, wo der aufgeklärte Adel die Industrialisierung vorantrieb, waren es in Berlin und in Brandenburg überwiegend Handwerker, Kaufleute und Absolventen der sich gerade erst etablierenden technischen Bildungsanstalten oder vorausschauende Beamte, Journalisten und bürgerliche Offiziere, wie Werner Siemens. Weit gereist und mit einem einen überdurchschnittlich hohen Bildungsstand waren sie Pioniere eines notwendigen Technologietransfers, der mittels Reisen nach England, Schottland, Frankreich, Belgien und die Niederlande stattfand. Bedeutende Persönlichkeiten wie Karl Friedrich Schinkel, Christian Peter Wilhelm Beuth und Theodor Fontane bereisten England, Schottland und Frankreich und wurden so zu Chronisten der dortigen Entwicklung. Schinkel und der ihn begleitende Beuth interessierten sich insbesondere für die industrielle Produktionsweise sowie die Industrie- und Ingenieurbauten. Schinkel war von ihnen offensichtlich derart fasziniert, dass er sie besonders ausführlich in seinen Zeichnungen und Textskizzen festhielt. Seine Beschreibung zahlreicher Fabrikanlagen, Brücken und Produktionsabläufe lässt erahnen, welche Rolle die Reisetätigkeit und damit verbundene Industriespionage jeder Zeit für den Technologietransfer hatten. Das nahm im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts derart überhand, dass in England Fabrikbesichtigungen zunächst gesetzlich eingeschränkt und schließlich gänzlich verboten wurden.


Für den Technologietransfer in der Provinz Brandenburg waren auch ausländische Unternehmer bedeutsam. Die Gebrüder der englisch-belgischen Unternehmensdynastie Cockerill errichteten 1816 im Cottbuser Stadtschloss eine Dampfspinnerei mit modernen englischen Arkwright-Maschinen. In Guben bauten sie eine ehemalige Klostermühle zu einer Baumwollspinnerei aus. Die Cockerills installierten in beiden Fabriken als Zentralantrieb aus Belgien importierte Dampfmaschinen – die ersten in der Niederlausitz. Das war eine wichtige Zäsur für die Entwicklung der Niederlausitz zum eigentlichen Industriebezirk der preußischen Provinz Brandenburg. Eine erstaunliche Entwicklung, die sich bis zum Ende der DDR fortsetzte. Bei der Umsetzung des Grundsatzbeschlusses der DDR vom 24. Juni 1954 zur Entwicklung der Braunkohlenindustrie nahm die Lausitz eine Schlüsselstellung ein. In den 1980er Jahren war sie nach dem Rheinischen Kohlerevier das zweitgrößte Braunkohlenrevier in Deutschland und Europa, mit hochmodernen, vollmechanisierten Tagebaubetrieben, mehr als 120 Brikettfabriken und zahlreichen Großkraftwerken und enormen wirtschaftlichen Synergien. Die Niederlausitz erlebte nach den Gründerjahren des 19. Jahrhunderts einen gewaltigen industriellen Aufschwung. Die Kohle- und Energiewirtschaft erwies sich im 20. Jahrhundert als eine wirtschaftliche „Langstrecken-Lokomotive“, die nicht nur die traditionellen Unternehmen der Textil-, Glas- und metallverarbeitenden Industrie mit sich zog, sondern sehr bald eine weit überregionale Bedeutung erlangte. (Peter Hübner)


Die Startbedingungen für eine leistungsfähige, industrielle Verkehrsinfrastruktur waren in der gesamten Provinz Brandenburg durchaus passabel. Der Wasserstraßenbau der Hohenzollern wurde bereits beschrieben. Sie hatten den Ausbau eines weit verzweigten Wasserstraßennetzes gefördert und die Stromgebiete der Elbe und Oder unter Einbeziehung von Havel, Spree und Dahme horizontal verbunden. Zu Beginn der Industriellen Revolution verfügte das kleine Zweistromland zwischen Elbe und Oder neben Frankreich und England über das größte Wasserstraßennetz in Europa, das seitdem bis in die Gegenwart für die Bedürfnisse der Industrie modernisiert und ausgebaut wurde.


Das wichtigste Transportmittel der Industriellen Revolution war dennoch die Eisenbahn, deren gegenständliche Zeugnisse heute die Eckpfeiler der Industriekultur in Brandenburg und Berlin sind. Das Eisenbahnzeitalter begann hier am 29. Oktober 1838 mit der offiziellen Eröffnung der Eisenbahnstrecke Berlin-Potsdam. Die Eisenbahn war Garant einer bis dahin unbekannten Massenmobilität, sie riss die Barrieren des Raumes der Agrargesellschaft endgültig ein, vermittelte eine neue Wahrnehmung von Landschaft, setzte neue Maßstäbe von Raum und Zeit und erforderte gänzlich neue Bauaufgaben, die Schinkel in England so bewundert hatte. Nur wenige Jahre nach dem Berlin-Brandenburger Start ins Eisenbahnzeitalter folgten wichtige Fernbahnlinien wie die Anhaltinische Bahn (1841), die Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn (1842/1846), die Stettiner Bahn (1843) oder die Berlin-Hamburger Bahn (1846) Der preußische Staat trieb parallel zur Eisenbahn den Bau von Fernstraßen und Chausseen voran. Der Straßenbau gipfelte im 20. Jahrhundert im Bau der Autobahnen, die sich einem Spinnennetz gleich durch die brandenburgische Landschaft ziehen und mit einem großen Ring Berlin umfassen. Brandenburg und Berlinsind sind mit ihren Exponenten Otto Lilienthal und Hans Grade auch die Wiege der deutschen Luftfahrt. Zahlreiche Denkmale des Luftverkehrs sind Ankerpunkte der Industriekultur der Metropolenregion wie die Flugfelder in Staaken und Rangsdorf, der Airport Tempelhof und die zahlreichen militärischen Flugplätze in der Mark Brandenburg und der Niederlausitz oder die Flugzeuge und technischen Denkmale der DDR-Fluggesellschaft „Interflug“ IL 18 in Borkheide und IL 62 in Stölln.


Zahlreiche Zeugnisse der Industrialisierung des Krieges, wie die Heeresversuchsanstalt in Kummersdorf/Sperenberg, die Königlich-preußische Militäreisenbahn, die Ostbahn nach Königsberg oder die sogenannte „Kanonenbahn“ von Berlin bis Koblenz und Metz oder das Führungszentrum der Deutschen Wehrmacht und des Generalstabes der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland in Wünsdorf sind ein wichtiger Teil der Industriekultur des Landes. Weitere Kasernen- und Bunkeranlagen aus der Kaiser-, Reichswehr-, Wehrmacht- und DDR-Zeit sind in der Denkmalliste des Landes Brandenburg eingetragen.


Die Entwicklung der Provinz Brandenburg zur Industrie-/Agrar-Provinz und die verbesserten infrastrukturellen Rahmenbedingungen beschleunigten das Wachstum ihrer Städte und führten vor allem in der Niederlausitz zur Ausbildung von Industriedörfern und zu einem tiefgreifenden sozialen Wandel. Brandenburg an der Havel entfaltete sich in dieser Zeit zur größten Industriestadt und zum schwerindustriellen Herz der Mark. Die 1871 gegründeten Brennabor-Werke waren mit ihrer Kinderwagen- und Fahrradproduktion die Konjunkturlokomotive der Stadt. Das Werk war bis in die 1930er Jahre der größte Kinderwagen-Hersteller in Europa. Die Brennabor-Werke nahmen 1901 die Produktion von Motorrädern und 1903 von Kraftwagen auf. Das Werk ist wenige Jahre später größter Automobilhersteller in Deutschland, der als einer der ersten in Deutschland die Fließbandfertigung nach dem Beispiel von Henry Fords „moving assembly line“ einführte. Die Stadt war bis zum Ende der DDR ein Zentrum der Schwerindustrie der Republik. Das größte Siemens-Martin-Stahlwerk östlich der Elbe errichtete man hier ab 1912. Das neue Stahl- und Walzwerk verfügte zunächst über zwei Siemens-Martin-Öfen. Der erste Stahl floss im Mai 1914. Zwei weitere Siemens-Martin-Öfen gingen nach dem Großen Krieg in Betrieb. Die Siedlung Wilhelmshof mit 1600 Wohnungen und zahlreichen Eigenheimen sowie der repräsentativen Hauptverwaltung des Stahl- und Walzwerkes ist eine der größten Werkssiedlungen des Landes. Das zunächst durch den Krieg verschonte, dann durch die UdSSR als Reparationsleistung demontierte Werk wurde komplett wiederaufgebaut. Der „VEB Stahl- und Walzwerk Brandenburg“ entwickelte sich mit insgesamt zwölf Siemens-Martin-Öfen zum führenden Stahlhersteller der DDR. Ein Siemens-Martin-Ofen „überlebte“ die wendebedingte Deindustrialisierung und ist heute ein technisches Denkmal sowie der letzte noch komplett erhaltene Stahlkocher seiner Art in Westeuropa. Siemens-Martin-Öfen sind weltweit nur noch in der Ukraine und Russland in Betrieb, einige davon stammen vermutlich aus Brandenburg an der Havel.


Die niederlausitzer Stadt Forst war, angetrieben durch eine mit modernen Maschinen ausgerüstete Textilindustrie, die zweitgrößte Industriestadt der Provinz Brandenburg. Die Stadt verfügte bereits Ende des 19. Jahrhunderts über ein inzwischen industriegeschichtlich legendäres Stadtbahnsystem mit Roll-on-roll-off-Technik, über modernste Heiz- und Elektrokraftwerke, die zahlreiche Fabriken mit Wärme- und Antriebsenergie versorgten.

Wittenberge an der Elbe war einstmals die wichtigste Industriestadt und bedeutendster Eisenbahnknotenpunkt im Nordwesten Brandenburgs. Die in der Stadt ansässigen Singer-/Veritas-Nähmaschinenwerke erlangten Weltruhm. Ihre Fabrikarchitektur mit dem großen freistehenden Uhren-Wasser-Turm besticht sowohl mit ihrer Ästhetik als auch ihrer Funktionalität. Eine imposante Industrieagglomeration mit dem Packhofviertel und der großen Industriemühle zur Herstellung von Industrieölen und -schmierstoffen sowie imposanten Hafen- und Speicheranlagen und einem E-Werk etablierten sich entlang der Elbe. Von besonderer Bedeutung war und ist der Eisenbahnkotenpunkt der Berlin-Hamburger Bahn und der Strecke nach Stendal und Magdeburg mit einem großen Bahnbetriebswerk und imposanten Bahnhofsabfertigungsgebäude.


Die kleine Ackerbürgerstadt Senftenberg entwickelte sich ab den 1870er Jahren zum wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zentrum des nach der Stadt benannten Senftenberger Braunkohlenreviers in der Lausitz. Die Stadt, in deren Stadtteil Brieske mit der Gartenstadt Marga des Architekten Georg Heinsius von Mayenburg eine der schönsten und ältesten Gartenstadt-Werksiedlungen Deutschlands verortet ist, entwickelte in der Zeit der Hochindustrialisierung eine enorme urban-industrielle Strahlkraft auf die Städte und späteren Industriedörfer des Reviers, wie beispielsweise Schwarzheide (Chemiewerk, synthetischer Kraftstoff auf Braunkohlebasis). Finsterwalde (Textil, Maschinenbau, Holz- und Möbelindustrie), Gassen (Mühlenbau), Spremberg, Guben, Drebkau, Kirchhain, Lauta (größtes Aluminiumwerk Ostdeutschlands), Lauchhammer (Bergbaugroßmaschinenbau, Kunstguss). Sie alle wurden durch innerdeutsche und osteuropäische Arbeitsmigration zu industrielle Zuwandererorte. Diese dynamische Entwicklung setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ungebremst fort. Die Proklamation des Bezirkes Cottbus zum Kohle- und Energiezentrum der DDR führte zum Aufschluss weiterer vollmechanisierter Braunkohletagebaue, zum Bau neuer großer Kohlekraftwerke und Brikettfabriken sowie der weltweit einzigartigen Braunkohle-Kokereien in Lauchhammer und Schwarze Pumpe. Die Stadt Cottbus löste Senftenberg als Zentrum des Reviers ab und entfaltete sich zu einer der wenigen 100.000-Einwohner-DDR-Großstädte. Sie war bereits seit der Hochindustrialisierung eine bedeutende Industriestadt (Textil, Metallverarbeitung, Nahrungsmittel etc.), die ihren industriellen Wohlstand selbstbewusst mit prächtigen Bürgerhäusern, dem wundervollen Jugendstiltheater und der Industriearchitekturikone des Dieselkraftwerks von Werner Issel präsentierte. Die Niederlausitz als ehemaliges Armenhaus Deutschlands war fortan eine der bedeutendsten Industrieregionen zwischen Elbe, Oder und Neiße, der die Planwirtschaft der DDR zigtausende Arbeitskräfte aus der ganzen Republik zugeführte. Im Zuge des sozialpolitischen und ökonomischen Umbruchs der 1990er Jahre fielen die meisten der genannten Städte und Orte hinsichtlich der Bevölkerungszahl wieder auf den Status vor der Hochindustrialisierungsphase zurück. Kraftwerke, Brikettfabriken, die genannten Kokereien wurden abgerissen und die meisten Tagebaubetriebe weitgehend planlos stillgelegt. Der industrielle Tsunami hinterließ mondschaftlich anmutende verwüstete Landschaften mit eisenschlammbraunen Gewässern.


Der Verflechtungsraum um Berlin profitierte erheblich von der Metropolenentwicklung und der sogenannten Randwanderung von ursprünglich in Berlin ansässigen Industriefirmen, z. B. Wildau (Maschinenbau, Lokomotivbau), Teltow (Industrieporzellan), Potsdam (Filmindustrie, Lokomotivbau), Oranienburg (Teerfarbenchemie, Metallverarbeitung), Werder (Vulkanfieber), Erkner (Wiege der deutschen Kunststoffindustrie), Luckenwalde (Textil, Hutfabrik, Feuerwehrtechnik, Spirituosen, Flügel- und Klavierfabrik), Velten (Ofenfabriken) und Königs Wusterhausen (Bahnschwellen-, Tapeten- und Putzfedernfabrikation, Kalksteinwerke).


Der größte Binnenhafen Brandenburgs ging 1894 als Teil des Nottekanals in Köngs Wusterhausen in Betrieb. Er diente vor allem dem Umschlag von Lausitzer Braunkohle. Von hier aus wurde die Braunkohle auf dem Wasserweg nach Berlin transportiert, vor allem nach den Kraftwerken. Der Hafen erlangte nach 1945 als Umschlagplatz von der Schiene auf das Wasser eine erstaunliche Wiederbelebung. Zunächst von der Sowjetischen Militäradministration genutzt und betrieben, war der Hafen für die entstehende Volkswirtschaft der DDR von großer Bedeutung. Die Zukunft des größten Binnenhafens Brandenburgs scheint gegenwärtig ungewiss. Das Heizkraftwerk Klingenberg in Berlin-Rummelsburg ist stillgelegt. Damit endete der Kohleumschlag aus dem Lausitzer Braunkohlerevier. In Spitzenzeiten waren das bis zu 8000 Tonnen täglich.


Das Stadtwachstum Berlins förderte die Baustoffindustrie in der brandenburgischen Provinz und ein vor allem wasserstraßengebundenes Transportsystem. Branntkalk und Zement kamen und kommen seit der Frühen Neuzeit bis heute vor allem aus Rüdersdorf, der größten Kalksteinlagerstätte Norddeutschlands. Während der Industrialisierungsperiode lieferten auch Kalkwerke am Nottekanal und in Wriezen den beliebten Baustoff. Milliarden Ziegelsteine für Berlin produzierten Ziegeleien zwischen Mildenberg und Zehdenick, in Glindow, auf der Neuenhagener Insel zwischen Bad Freienwalde und der Oder, entlang des Nottekanals sowie die Ziegeleien der Niederlausitz, die hier als bergbaulicher Synergieeffekt entstanden. Im Zuge des Übergangs zur flächendeckenden Tagebautechnologie wurden die reichlich vorhandenen und hochwertigen Ton- und Quarzsandlagerstätten Grundlage einer bedeutenden Ziegel- und Glasproduktion, die Ziegelsteine und Gebrauchs- und Flachglas (Fensterglas) in enormen Mengen nach Berlin lieferte. Der bedeutendste deutsche Braunkohlekonzern, die Ilse-Bergbau AG, betrieb in Großräschen den größten Hoffmann’schen Ziegelbrennofen Deutschlands. Hier befand sich zwischen 1954 und 1990 die zentrale Ausbildungsstätte der Ziegler für das gesamte Gebiet der DDR.


Die größten Papierfabriken des Landes entstanden in Eberswalde, Hohenofen bei Neustadt an der Dosse und in Schwedt. Hohenofen ist ein exemplarisches Beispiel für eine gezielte Wirtschaftsförderung durch den preußischen Fiskus. Friedrich II. gründete 1772 die Königlich-preußische Seehandlung als staatliches Wirtschaftsförderunternehmen. Hohenofen war ursprünglich ein frühindustrieller Produktionsstandort von Roheisen auf der Grundlage der Verhüttung von Raseneisenerz, ähnlich wie in Peitz oder Lauchhammer im Süden des Landes. Nachdem die Eisenerzlagerstätte in Hohenofen erschöpft war, förderte die Seehandlung die Wiederansiedlung von Industrie, zunächst eine Spiegelglasfabrik, dann die Papierfabrik, die bis Anfang der 1990er Jahre produzierte.


Die industrielle Entwicklung der uckermärkischen Stadt Schwedt steht synonym für die Erdölindustrie und die Industrieförderung des ländlichen Raumes zu DDR-Zeiten. Der Grundstein zur Errichtung der Papierfabrik, der jetzigen LEIPA Georg Leinfelder GmbH, wurde 1959 gelegt. Das Erdölverarbeitungswerk Schwedt (heute PCK-Raffinerie) weihte man 1960 ein. Eine 3000 Kilometer lange Erdölleitung aus dem Uralgebiet endete hier und ging 1963 in Betrieb. Seit 1964 produziert man am Standort Schwedt Kraftstoffe. Die später von der Treuhandanstalt abgewickelte Schwedter Schuhfabrik nahm 1975 ihre Produktion auf. Aus der Stadt, die seit Ende des 18.Jahrhunderts der gewerbliche und administrative Ankerpunkt des größten zusammenhängenden Tabakanbaugebiets Deutschlands (4.400 Hektar Anbaufläche) und Standort mehrerer Zigarrenmanufakturen war, entstand eine sozialistische Vorzeige-Industriestadt mit beachtlichem Bevölkerungswachstum. Neue Wohngebiete entstanden zwischen 1960 und 1990. Die Bevölkerungszahlzahl erreichte mit knapp 54.000 Einwohnern ihren Höhepunkt. Die Stadt verlor in den 1990er Jahren und danach mehr als ein Drittel seiner Bewohner. Ganze Stadtquartiere wurden abgerissen. Den symbolischen Schlusspunkt setzte kürzlich der Abriss der Kaufhalle „Freundschaft“, einst mit mehr als 1000 m² Verkaufsfläche die größte und modernste Kaufhalle der DDR. Die SED-Kulturpolitik belebte im Kontext der industriellen Entwicklung Ende der 1970er Jahre die vormalige Theatertradition der Stadt. Markgraf Friedrich Heinrich hatte im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts aus Schwedt eine Kulturstadt gemacht. In der Orangerie des Schwedter Schlosses richtete er eines der ersten Theater Deutschlands ein. Am Standort des ehemaligen Markgrafenschlosses entstand 1978 das Kulturhaus Schwedt, heute das Gebäude der grenzüberschreitend erfolgreichen Uckermärkischen Bühnen.


Ein weiteres Vorzeigeprojekt DDR-sozialistischer Industrialisierung entstand in der Kleinstadt Premnitz im Westhavelland. Während des Ersten Weltkrieges hatte sich hier eine Chemiefabrik der späteren IG-Farben AG angesiedelt. Die DDR entwickelte Premnitz zu einem Zentrum der Chemiefaserindustrie.

Der Ort wuchs mit dem Werk, es entstanden neue Wohnviertel und Premnitz bekam 1962 das Stadtrecht verliehen.


Die im Westen von Berlin gelegene Stadt Erkner gilt als Wiege der deutschen Kunststoffindustrie. Die Rütgerswerke, ein westfälischer Teerchemiekonzern, gründete hier 1910 die Bakelite GmbH, die weltweit als erster Betrieb industriell Bakelitkunststoffteile für Elektroanlagen, Telefone, Radios und Füllfederhalter herstellte, später auch für Rüstungsgüter wie Zündkapseln und Flugzeugpropeller.


Die kleine Stadt Fürstenberg/Oder erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg durch die staatlich-planwirtschaftlich gelenkte Industrialisierung eine geradezu prototypische industrielle Transformation. Mit dem frühen Anschluss an das erst im Entstehen begriffene Eisenbahnnetz im Jahr 1846 durch die nach nordamerikanischem Vorbild erbaute, von Berlin über Frankfurt/Oder nach Breslau führende Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn, für die das gesamte rollende Material, der Oberbau und die Schienen aus den USA eingeführt worden war, begann die Industrialisierung des idyllischen Oderstädtchens. Unmittelbar am Bahnhof entstand zunächst eine Glashütte, wofür man Arbeitsmigranten aus Böhmen anwarb. 1880 folgte eine Anilinfabrik. Einen deutlichen Bedeutungszuwachs erhielt die Stadt durch den 1891 eröffneten Oder-Spree-Kanal, der im Stadtgebiet von Fürstenberg in die Oder mündet. Die Kanalschifffahrt wurde zu einem wichtigen industriellen Wertschöpfungsfaktor. Diverse Rüstungsbetriebe errichteten in den 1930er Jahren am Kanal ihre Betriebsstätten, u. a. eine aus Berlin ausgelagerte Waffenfabrik der Rheinmetall-Borsig AG und eine Degussa-Chemiefabrik. Den „Umschlaghafen des Generalbauinspektors“ Albert Speer, heute Hafen Eisenhüttenstadt, wurde hier 1940 bis 1943 gebaut. Im Hafen wurden u. a. große Granitblöcke für den Bau der neuen Reichshauptstadt „Germania“ umgeschlagen und eingelagert, die später beim Bau des zentralen sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park in Berlin und von Stalinstadt/Eisenhüttenstadt Verwendung fanden. Die Märkischen Elektrizitätswerke bauten im Rahmen des so genannten NS-Wärmekraft-Sofortprogramms ab 1943 nahe Fürstenberg, nicht weit von den ergiebigen Braunkohlelagerstätten um Finkenheerd, ein Kohlekraftwerk, das in Frühjahr 1945 faktisch betriebsbereit war und später als Reparation an die UdSSR ging. Das Bauprogramm mit ursprünglich fünf Großkraftwerken wurde von der Reichsregierung, Generalinspektor für Wasser und Energie, initiiert. Zur Baudurchführung setzte man vor allem zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ein. Dafür verschleppte man zunächst 300 polnische Juden nach Fürstenberg (Oder), die vermutlich 1943 in die Vernichtungslager östlich der Oder deportiert wurden. Bis zu 1000 Kriegsgefangene überwiegend sowjetischer Nationalität, die aus dem in Fürstenberg (Oder) gelegenen Kriegsgefangenen-Stammlager III B stammten, übernahmen dann die Arbeiten.


Fürstenberg (Oder) ist heute ein Teil von Eisenhüttenstadt, einem herausgehobenen Markstein des industriellen Erbes Brandenburgs aus der DDR-Zeit. Der III. Parteitag der SED beschloss 1950 den Bau eines großen Roheisen-und Stahlwerkkomplexes sowie einer eigens dafür zu errichtenden sozialistischen Planstadt westlich von Fürstenberg. Maßgeblich für die Standortentscheidung war die verkehrsgünstige Lage an der Oder und dem Oder-Spree-Kanal sowie die Nähe zur Autobahn und die Eisenbahnlinie nach Berlin und Breslau (Wroclaw). Die Verkehrsanbindungen nach Polen waren für den Import schlesischer Steinkohle und Koks sowie Eisenerz bedeutsam. Den Grundstein für den ersten von sechs Hochöfen legte am Neujahrstag 1951 der damalige Industrieminister Fritz Selbmann. Der Ofen wurde neun Monate später erstmals angeblasen. Heute ist er produzierendes technisches Denkmal. Das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) war in der DDR mit bis zu 16.000 Beschäftigten der größte Stahl- und Walzwerk-Komplex der DDR. Der Komplex wurde in den 1960er Jahren durch ein Kaltwalzwerk für Flachstahl und in den 1980er Jahren durch ein Konverter-Stahlwerk ergänzt. Das EKO überlebte als ArcelorMittal Eisenhüttenstadt GmbH die Deindustrialisierungswelle der 1990er Jahre.


Die sozialistische Planstadt wurde parallel zum Fabrikbau förmlich aus dem märkischen Boden gestampft und später um mehrere Wohnquartiere erweitert. Sie erhielt am 7. Mai 1953 aus Anlass des Todes des sowjetischen Diktators, Josef Stalin, den Namen Stalinstadt. Die Stadt sollte ursprünglich anlässlich des 70. Todestages des Begründers des wissenschaftlichen Sozialismus den Namen Karl Marx erhalten, den dann Chemnitz bekam. Eisenhüttenstadt heißt die Oderstadt seit der Vereinigung mit Fürstenberg im Jahr 1961. Sie besticht durch architektonische Vielfalt und Ästhetik und steht zu weiten Teilen unter Denkmalschutz.


Epilog


„Wie soll ich Ihnen den Eindruck dieser Schlösser aus flüssigem Metall, dieser glühenden Kathedralen, der wunderbaren Symphonie von Pfiffen, von furchtbaren Hammerschlägen schildern, der uns umhüllt […]. Wie musikalisch das alles ist.“


Die pathetischen Worte des Komponisten Max Reger nach einem Besuch der Eisenhütten von Duisburg im Jahr 1905 schildern am Anfang des 20. Jahrhunderts eine industrielle Welt, die viele faszinierte und andererseits auch als bedrohlich empfanden, wie von Theodor Fontane, der seinerseits fernab von jeder Euphorie über das neue Zeitalter meinte: „Überall schieben sich in das altdörfliche Leben die Bilder eines allermodernsten, frondiensthaften Industrialismus hinein, und die schönen alten Bäume, die mit ihren mächtigen Kronen so vieles malerisch zu überschatten und zu verdecken verstehen, sie mühen sich umsonst, diesen trübseligen Anblick dem Auge zu entziehen.“


Diese gegensätzliche Wahrnehmung der Industriekultur verdeutlicht das Spannungsfeld, wenn wir uns mit der Kulturgeschichte des Industriezeitalters beschäftigen. Das umfasst die ganze Bandbreite von der Technik- und Wissenschaftsgeschichte, der Produktions- und Architekturgeschichte des Industriezeitalters, der Verkehrsgeschichte, der Geschichte industrieller Kommunikation, der Urbanisierung, den Grundlinien der Entwicklung des geographischen Raumes, der Sozialgeschichte der Arbeit, der Umweltgeschichte bis zur künstlerischen Reflektion des materiellen und immateriellen Erbes der Industriegesellschaft. Die staatliche Denkmalpflege in Berlin und Brandenburg und die hier durchaus breit aufgestellte industriekulturelle Graswurzelbewegung stellt das vor enorme Herausforderungen und abseits der kommerziellen Vermarktung der Objekte und Artefakte des Industriezeitalters vor eine gemeinsame Verantwortung. Die gegenständlichen Zeugnisse unserer Geschichte vermitteln als „lebendige Zeugnisse […] eine geistige Botschaft der Vergangenheit“. Denkmale der Industriekultur sind ein gemeinsames Erbe von Berlin und dem Land Brandenburg. Beide fühlen sich „kommenden Generationen gegenüber für ihre Bewahrung gemeinsam verantwortlich, […] „ihnen die Denkmäler im ganzen Reichtum ihrer Authentizität weiterzugeben.“ (Charta von Venedig)